Die Ameise, die ihren eigenen Weg ging

Selten sehe ich Menschen auf dem Weg zwischen den Eichen. Meistens wird er wohl von Kühen bestiegen, die ein kleines bisschen weiter vorne zu sehen sind.

Und von Ameisen. An diesem Tag treffe ich sie, als sie in geordneter Reihe mit raschen Schritten daher laufen. Wohin sie unterwegs sind, das weiß ich nicht. Ich frage nicht. Bin nicht besonders interessiert.

Die Augustsonne scheint. Ich gehe langsam und genieße die Wärme, als plötzlich ein Birkenzweig, ungefähr sieben Zentimeter lang, ruckend und zuckend auf dem Weg auf mich zukommt. Als ich in die Hocke gehe, sehe ich wie eine Ameise das Ende des Zweiges fest im Griff hat, ihn schiebt was das Zeug hält. Sie versucht, den Zweig weg vom Pfad auf die linke Seite zu bugsieren. Sie sucht nach einer passenden Stelle, wo das Gras kürzer ist.

Sie versucht.

Sie ruht sich aus.

Versucht es wieder. 

Dreht am Zweig.

Wenn sie den Zweig ganz umdrehen würde, würde er viel leichter rutschen. Warum zieht sie ihn nicht? 

Ich könnte mit ihr reden.

Telepathische Bilder schicken.

Ich könnte ihr den Zweig umdrehen.

Aber tief innen weiß ich, dass ich kein Recht dazu habe, mich hier einzumischen. Wäre keine Hilfe. Wäre eine Störung. Vielleicht sogar Zerstörung. 

Die Ameise ist guten Mutes.

Sie lässt für eine Weile den Griff los.

Sie macht einige Schritte.

Denkt nach.

Die anderen setzen ihren Marsch nach vorne fort. Die eine oder andere bleibt stehen und sieht zu. Läuft um den Zweig. Aber, nein, keine von ihnen scheint an das hier zu glauben, sondern nimmt sofort wieder ihr Tempo auf, um nicht zu weit zurückzubleiben. Eine bleibt tatsächlich eine Weile. Greift nach dem Zweig. Rückt ihn in eine bessere Lage, aber als er wieder feststeckt gibt sie sofort auf, flitzt los und nimmt ihren Platz in der Reihe wieder ein. Einige derer, die vorbei kommen, scheinen ängstlich. Sehen zur anderen Seite. Nehmen einen kleinen Umweg. 

Die Ameise arbeitet konzentriert. Kümmert sich nicht um das, was die Anderen machen. 

Sie wird niemals aufgeben! Nicht so lange ihre Erdenreise hier anhält. Wie auch immer ihre Vision aussieht, sie gedenkt etwas Großes zu erreichen. Etwas, das die Ameisenwelt noch nie erblickt hat. 

 

Durch die Kronen der Eichen fährt ein kraftvoller Wind. Er weht mich zurück in die Menschenwelt. Ich stelle mich auf. Strecke mich. Setze meine Wanderung fort. 

Auch unter den Ameisen gibt es Pioniere, denke ich. Die sich weigern das zu tun, was immer getan wurde. Die etwas gesehen haben. Etwas vernommen haben. Etwas, das den Weg zurück zum Alten verschließt. 

 

Für immer.